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Wenn man Autos bauen würde, wie wir Bauwerke erstellen

Artikel von Roger Baumer, Group CEO/Mitinhaber, erschienen im "intelligent bauen"

Haben Sie in letzter Zeit ein neues Auto gekauft? Haben Sie dafür einen Designer und einen Konstrukteur engagiert, dann die Teile auf dem Markt gekauft und alles in die Hand einer Fabrik zur Fertigung gegeben? Haben Sie dann den Wagen jemand anderem zum Fahren überlassen, von dem sie gar nicht wussten, was er genau will? 

Was beim Beispiel des Autokaufs absurd erscheint, ist Tatsache bei vielen Bauprojekten. Die Leistungen für die Erstellung und den Betrieb eines Bauwerks werden auf viele Dienstleister entlang der Wertschöpfungskette verteilt und der Betrieb und die Nutzung liegt dann in den Händen wiederum anderer Dienstleister.

Selbstverständlich etablieren sich in jeder Industrie eigene "Standards" und selbstverständlich ist das dauerhafte Konsumgut "Auto" nicht so einfach mit einem komplexen Bauwerk zu vergleichen. Eines bleibt sich aber gleich: Je mehr die Schritte von der Planung und die Erstellung und den Betrieb auf mehr Parteien verteilt werden, umso schwerer wird es, ein Bauwerk als eine Einheit zu verstehen.

Im Fokus: die Gebäudetechnik

Die am Bau Beteiligten, und ich spreche in der Folge vor allem von der Gebäudetechnik, bringen an jeder Stelle ihr bestes Wissens, aber auch ihre Interessen und Fähigkeiten in den Prozess ein. Diese Interessen können allerdings auseinanderklaffen. So wird der Investor v.a. nach einer bestmöglichen Rendite streben, der Ingenieur nach Lösungen nach neustem Stand der Technik, der Unternehmer weiss, was am besten funktioniert und der Betreiber versucht die Betriebskosten zu minimieren.
Im guten Fall lassen sich die Interessen und Fähigkeiten unter einen Hut bringen. Was bleibt ist die Tatsache, dass an jeder Schnittstelle Informations- und Wissensverluste entstehen. Wurde wirklich das geplant, was der Kunden wollte? Wurde wirklich verbaut, was geplant wurde und hat der Betreiber alle Kenntnisse für den Betrieb? Diese Informations- und Wissensverluste führen zu Kosten. Seien es betriebswirtschaftliche Kosten bei den Dienstleistern am Bau oder aber auch zu Einbussen beim Komfort oder beim Nutzen des Endkunden.

Erster Ansatz: die Informationstechnologie

Wir sehen nun zwei Ansätze, welche das integralen Verständnis und Handeln aller am Bau günstig beeinflussen könnten. Erster Ansatz ist die Informationstechnologie und damit besonders das BIM (Building Information Modelling). Wenn es gelingt, dank BIM bereits bei der Planung ein umfassendes Datenmodell eines Bauwerks und aller seiner Bauteile aufzusetzen, sinken die Informationsverluste und es können Effizienz gesteigert und Mehrwert über den ganzen Lebenszyklus generiert werden. Und BIM, es muss immer wieder gesagt werden, ist eben nicht ein "3D-CAD Plus". Zum Thema Effizienzgewinn und damit mehr Kundennutzen zwei Beispiele aus dem Service:

  • Stellen sie sich vor, eine Servicedienstleister übernimmt das Mandat für ein Objekt. Vor Mandatsbeginn entfällt das heute noch immer gängige Aufnehmen aller Anlagen. Sie sind bereits im Datenmodell enthalten und stehen dem Servicedienstleister zur Verfügung. Die Anlagenteile wiederum sind vor Ort mit QR-Codes versehen; der Servicetechniker kann mit einem Klick auf sein Tablet oder Ähnliches auf die Dokumentation, technische Daten oder sogar Videos zugreifen, die ihn bei der Wartung und Störungsbehebung unterstützen. Schnell und einfach.
  • Oder wenn wir noch einen Schritt weitergehen: Der Servicetechniker ist mit einer Augmented-Reality-Brille ausgestattet. Im Technikraum werden ihm die Lage der Komponenten sowie aerodynamische, hydraulische oder steuerungstechnische Zusammenhänge aus der Gebäude-Datenbank auf der Brille dargestellt. Zusätzlich führt ihn ein Menü durch die Reihenfolge der zu bearbeitenden Anlagenteile und gibt ihm Hilfestellungen für die Wartung oder Störungsbehebung. Und wenn er nicht mehr weiterkommt, schaltet sich ein Helpdesk zu, der via die Brille und Kamera die gleiche Sicht auf die Anlage hat wie der Servicetechniker und ihn unterstützt.

Es ist offensichtlich: Mit beiden Beispielen wird nicht nur die Arbeit der Servicedienstleister vereinfacht. Es wird der Kundennutzen erhöht. Wartung und Störungsbehebung können effizienter gestaltet und Ausfallzeiten, Mehrfachgänge etc. reduziert werden. Grundlage, und das ist die Kernaussage, sind verlässliche und angereicherte Daten und Informationen, über alles, was im Gebäude verbaut ist. Die Technologie, wie sie im Anlagengütergeschäft schon bald seit Jahrzehnten bewährt ist, ist nun aus unserer Sicht auch für den Bau schon recht reif und – mit entsprechenden Investments in die IT und Ausbildung der Mitarbeitenden – auch anwendbar. Wird die Arbeit für den Servicetechniker dadurch einfacher? Nein. Auch in diesen Zukunftsmodellen braucht es die Kenntnisse über die Zusammenhänge der Gebäudetechnik und zusätzlich noch mehr IT Kenntnisse.

Zweiter Ansatz: Betreiber- oder Nutzungsmodelle

Zweitens sind es Betreibermodelle oder Nutzungsmodelle, in denen der Nutzer nicht ein Bauwerk sondern das Bauwerk über den ganzen Lebenszyklus bestellt. Dabei können auch sehr weitgreifende Konzepte bis zur Fremdfinanzierung und den vollständigen durch Externe gewährleisteten Betrieb über den ganzen Lebenszyklus angewendet werden. Dabei geht es um mehr, als ein Objekt einfach zu mieten oder den Betrieb an einen Facility Manager auszulagern und das Mandat regelmässig neu auszuschreiben. Besitzer, Nutzer und Betreiber gehen auf Basis gemeinsamer Ziele eine langfristige Partnerschaft ein, die sie auch vertraglich regeln. Und sie werden dabei alles tun, dass keinerlei Informationen verloren gehen oder Prozesse nicht optimal gestaltet sind. Im Besten Fall beginnt diese Partnerschaft bereits in der Planung. Der Betreiber, der natürlich alle Rolle des Facility Managers wahrnimmt, wird dabei verpflichtet, die Immobilie über den ganzen Lebenszyklus nutzergerecht zu betreiben und am Ende des vereinbarten Lebenszyklus "besenrein" wieder zu übergeben. Auch hier gibt es unter dem Schlagwort "PPP" (Public Private Partnership) schon funktionierende Beispiele. Selbstverständlich sind diese Modelle ebenso gut unter Privaten anwendbar. Lassen Sie mich zum Schluss wieder zur Auto-Industrie zurückkehren und mit zwei Analogien schliessen.

Fazit

Die Prozesse im Automobilbau sind dank integrierten Prozessketten unglaublich effizient, Automatisierung und Digitalisierung auf hohem Niveau sowohl in der Fertigung als auch im Endprodukt "Auto" Standard. Und niemand würde erwarten, dass sich diese Entwicklungen zurückdrehen lassen. Im Bau wird es dasselbe sein: Technologie wird die Prozesse aber auch die Gebäude immer mehr durchdringen. Die Technologie ist reif und verfügbar. Stellen wir uns mit Offenheit und Neugier diesen Prozessen. Alternative Betreibermodelle können wir mit Sharing-Modellen bei Autos vergleichen. Das "ich besitze" versus "ich nutze langfristig" setzen einen radikalen "Change of Mind" voraus. Hier braucht es wohl noch einige mutige Akteure, die sich auf diese Modelle einlassen, Erfahrungen sammeln und an die Öffentlichkeit tragen.  

Autor: Roger Baumer, Group CEO/Mitinhaber

Zerlegter VW Golf, 1988 Aus: Im Auftrag der Volkswagen AG, Art Director Dietmar Meyer